Antisemitismus in Deutschland...

    • ... beklagt Frau Knobloch in einem interessanten Interview bei SpOn.
      spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,434132,00.html

      Knobloch: Ja, leider. Ich sehe eine absolute Anti-Stimmung gegen Juden und den Staat Israel. [...]Wir organisieren zum Beispiel gerade ein Benefizkonzert, und sogar da kommen ablehnende, antisemitische Briefe. Es wird alles in einen Topf geworfen. Wir als jüdische Bürger in Deutschland werden in den aktuellen Nahostkonflikt hundertprozentig hineingezogen.


      Gut, die Frau mag teilweise Recht haben. Aber gerade in dem zitierten Punkt frage ich mich ob nicht gerade auch der Zentralrat ordentlich seinen Teil dazu beiträgt...

      Es ist ja schließlich Tatsache das der Zentralrat, als Intressenvertretung der deutschen Juden mit selbsterklärten Alleinvertretungsanspruch, immer nahezu reflexartig jedwedes Vorgehen der israelischen Regierung vollkommen unkritisch verteidigt und sich gerne gegen jede Kritik als unangemessen verbiet. Besonders "schön" in letzter Zeit war ein Kommentar von Dieter Graumann:
      [quote] „Wer selbst nicht vom Raketenterror betroffen ist, sollte vorsichtig und zurückhaltend mit guten Ratschlägen oder Verurteilungen, wegen angeblich mangelnder Verhältnismäßigkeit sein."[/quote]

      Ich kann mich nur der Meinung von Rolf Verleger anschließen der als Mitglied des Zentralrates dessen Öffentlichkeitsarbeit sowie Israels Politik in einem offenen Brief massiv kritisiert hatte und daher vor ein paar Tagen abberufen wurde.

      ln-online.de/regional/israel-knobloch.pdf
      “Wer grundlegende Freiheiten aufgibt, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu gewinnen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit.”
      Benjamin Franklin
    • Das ist ein diffiziles Thema. Leider ist es kaum möglich, (in meinen Augen berechtigte) Kritik am Staat Israel zu üben, ohne Gefahr zu laufen, daß sofort die Antisemitismuskeule geschwungen wird. Frau Knobloch sagt zum Beispiel (Zitat von SPON):

      Bei Demonstrationen werden hier etwa Plakate durch die Straßen getragen, auf denen steht: "Israel - Kindermörder". Die Polizei zieht diese Parolen nicht ein...


      Ich frage mich ernsthaft, wie man - ob Jude oder nicht - das äußerst aggressive Vorgehen Israels im Libanon rechtfertigen kann. Daß dort unschuldige Zivilisten sterben, scheint man völlig zu vergessen!

      Ich denke, daß Gewalt noch nie ein Problem gelöst hat und deshalb auch kein Mittel zur Fortsetzung von Politik sein darf.

      Der Artikel von Herrn Verleger spricht mir aus der Seele.
      Gibt es schließlich eine bessere Form, mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?
      Charles Dickens
    • Das dürfte wohl ein Problem der Differenzierung sein.

      Antisemitismus in Deutschland nimmt in der Tat zu. Je mehr Nazis umso mehr Antisemitismus lautet eine einfache Formel. Aber das ist nicht alles.

      Differenzierte Kritik an der speziellen israelischen Art der Kriegsführung würde ich nicht zum Antisemitismus zählen. Sie läßt sich gut begründen. Generelle Kritik an der Tatsache, daß Israel ein Verteidigungsrecht hat, könnte dagegen wieder antisemitisch begründet sein. Alleine die unangemessene Kriegsführung Israels anzugreifen und den Raketenterror auszublenden könnte ebenfalls antisemitisch begründet sein.

      Dann gibt es noch die Schlußstrich-Vertreter, für die es ein gefundenes Fressen ist, nun endlich auch mal Israel kritisieren zu dürfen, weil sie ja mit ihrer Schlußstrich-Forderung nicht durchkommen können.

      Und es gibt den Zentralrat, für den es möglicherweise aus politischen Gründen einfacher ist, alles in einen Topf zu werfen und als Antisemitismus zu bezeichnen.

      Womit wir wieder beim Walser-Argument wären, der vor dem Antisemitismus warnte, der sich aus dem erhobenen Zeigefinger der deutschen Juden ergeben könnte.

      Joei

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Onkel_J ()

    • Ich denke, daß Gewalt noch nie ein Problem gelöst hat und deshalb auch kein Mittel zur Fortsetzung von Politik sein darf.


      Tja, leicht gesagt und auch völlig richtig, aber umso schwerer umgesetzt. Welche Möglichkeiten gibt es denn, wenn Gespräche kein Ergebnis bringen?

      P.S.: Was ist eigentlich mit der sogenannten Staatsgewalt? Also Freiheitsstrafen beispielsweise. Ist das auch Gewalt, die nicht sein darf? (Diese Frage ist eher philosophisch gemeint.)

      Das ist ein diffiziles Thema. Leider ist es kaum möglich, (in meinen Augen berechtigte) Kritik am Staat Israel zu üben, ohne Gefahr zu laufen, daß sofort die Antisemitismuskeule geschwungen wird.


      Da stimme ich dir uneingeschränkt zu. Vor vielen Jahren, als ich noch in unserer Kreditabteilung war, habe ich mal eine Buchung storniert und musste mich im Anschluss vom Kunden als antisemitisch beschimpfen lassen. Ich wusste nur gar nicht, dass er Jude ist.
      Im Gegensatz zum Hirn meldet sich der Magen wenn er leer ist.
    • Trotz des ernsten Themas sehe ich bei diesem Interview eine unfreiwillige Komik. Frau Knobloch beschwert sich zu Recht darüber, die deutschen Juden würden in den Nahost-Konflikt hineingezogen - worum dreht sich jedoch das ganze Interview: um Israel und den Nahostkonflikt sowie Iran. Kann sie Äußerungen zu diesem Thema nicht dem israelischen Botschafter überlassen?
      Natürlich kann sie sich zu diesem Thema äußern, doch dann muß sie als außenwirksamste Repräsentantin der Juden in Deutschland sich darüber bewußt sein, daß diese dann in das Thema mit hineingezogen werden.
      Über die Kommunikationsstrategie des Zentralrats der Juden wundere ich mich eh ein wenig. Israel im Nahostkonflikt, Rechtsradikalismus, Holocaust scheinen die einzigen Themen zu sein. Natürlich sind dies zentrale Themen für Juden in Deutschland, doch muß man sich wirklich in seiner ganzen öffentlichkeitswirksamen Tätigkeit darauf beschränken? Die jüdischen Gemeinden in Deutschland gehörten in den letzten Jahren zu den weltweit am stärksten wachsenden. Gibt es überhaupt keine positiv besetzten und zukunftsweisenden Themen, mit denen man mal in die Öffentlichkeit gehen könnte?

      Gruß
      Kim
    • zentralratdjuden.de/de/article/1040.html
      Besonders scharf kritisierte Zentralrats- Vizepräsident Dieter Graumann Äußerungen von Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Die SPD-Politikerin hatte in Interviews das Vorgehen Israels als „völkerrechtswidrig" bezeichnet. Dieses Urteil entspringe den „üblichen antiisraelischen Reflexen" dieser Politikerin und „entbehre zudem auch jeder moralischen und inhaltlichen Grundlage", betonte Graumann. Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan J. Kramer, nannte Wieczorek-Zeul „nicht länger tragbar".


      spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,434521,00.html
      Ähnlich wie Wieczorek-Zeul hatte der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, den Einsatz der Streubomben in Libanon kritisiert. Er nannte den Einsatz "unmoralisch". Er warnte davor, dass bis zu 100.000 Schrapnelle aus diesen Bomben noch nicht explodiert seien und im Südlibanon Menschen bedrohten. Besonders "schockierend" und " absolut unmoralisch" sei es, dass die israelische Luftwaffe 90 Prozent der Streubomben in den letzten 72 Stunden des Konflikts abgeworfen habe. Zu dem Zeitpunkt sei klar gewesen, dass eine Uno-Resolution vorliege und dass der Krieg beendet werde.


      Ich kann kaum fassen, welche Statements der Zentralrat der Juden in Deutschland und namentlich sein Vizepräsident Dr. Dieter Graumann hier im Namen seiner Mitglieder abgibt.
      Gibt es schließlich eine bessere Form, mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?
      Charles Dickens
    • Vor allem wenn die UNO Israel gerade vorwirft 90% der abgeworfenen Streubomben in den letzten 3 Kriegtagen abgeworfen hat, als der Waffenstillstand praktisch schon feststand. Wenn der Herr Graumann Kritik daran als antisemitisch abbügelt ud sich diese verbietet macht er sich lächerlich...

      Übrigens hat die Tochter von Heinz Galinski dem Deutschlandradio ein interessantes Interview gegeben.
      dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/537976/

      Weil es für mich besonders unerträglich ist und auch für viele meiner jüdischen Mitstreiter, dass sich der Zentralrat zum wiederholten Male als Sprachrohr der israelischen Regierung in Deutschland versteht, anstatt sich um die sozialen Belange der Gemeindemitglieder in den jüdischen Gemeinden in Deutschland zu kümmern. Das ist die eigentliche Aufgabe. Ich möchte nicht von einem Zentralrat vertreten werden, der nur die israelische Politik vertritt.


      Auch der Rest des Interviews ist sehr interessant.






      Womit wir wieder beim Walser-Argument wären, der vor dem Antisemitismus warnte, der sich aus dem erhobenen Zeigefinger der deutschen Juden ergeben könnte.


      Leider. Ich glaube das ist das was durch den gegenwärtigen Kurs des Zentralrats kommen sehe und was wohl auch passiert...
      “Wer grundlegende Freiheiten aufgibt, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu gewinnen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit.”
      Benjamin Franklin
    • Der Zentralratsvize Korn bewertet die Kritik von Galinski und Verleger übrigens so:

      In den Äußerungen der Tochter Galinskis scheine aus seiner Sicht "hin und wieder ein jüdischer Selbsthass auf", sagte Korn.


      und vor allem:

      Kritiker wie Evelyn Hecht-Galinski oder auch der Zentralrats-Delegierte Rolf Verleger würden in der Öffentlichkeit immer wieder als "nützliche Hofjuden" aufgeboten, "um das zu sagen, was man sich selbst nicht zu sagen traut".


      fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=960372
      “Wer grundlegende Freiheiten aufgibt, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu gewinnen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit.”
      Benjamin Franklin